HISTORISCHE RÜCKBLENDE

Direkte Verbindung zwischen Südwestniedersachsen und Ostwestfalen
Der Haller Willem verbindet auf 57 km die beiden Großstädte Osnabrück und Bielefeld. Die entlang des Teutoburger Waldes verlaufende Strecke wurde als Nebenbahn zur Erschließung des ländlichen Raums konzipiert und im August 1886 eröffnet. Der Bau der Trasse stellte die Ingenieure durchaus vor Herausvorderungen, sollte doch das Mittelgebirge in Höhe von Hilter/Hankenberge ohne teure Tunnelbauwerke überwunden werden. Große Höhenunterschiede auf kurzen Streckenabschnitten – Eisenbahner sprachen ehrfürchtig vom “Kleinen Brenner” – sowie enge Kurvenradien sollten in späteren Jahren negative Auswirkungen haben.

Eröffnungsfahrplan von 1886

Ein Kutscher als Namenspatron
Vor dem Bau der Strecke mussten Güter und Personen aufwändig zu den benachbarten Hauptbahnen transportiert werden: im Süden seit 1848 zur Köln-Mindener Eisenbahn, im Norden seit 1855 zur Hannoverschen Westbahn oder im Osten seit 1876 zur Hamburg-Venloer Eisenbahn. Die Fahrt dorthin übernahmen Fuhrleute, zu denen auch der 1851 geborene Wilhelm Stuckemeyer gehörte. Zwei Mal täglich fuhr er die Strecke Halle – Bielefeld. Stuckemeyer wog 200 Kilo und war bei der Bevölkerung wegen seiner lustigen Art sehr beliebt – man rief ihn den “Haller Willem”. 1886 verlor Stuckemeyer durch die übermächtige Konkurrenz der Dampfbahn sein Einkommen, doch sein Spitzname übertrug sich schnell auf die neuen Züge.

Der Haller Willem bringt Wohlstand in die Region
Die neue Verbindung trug in der Folgezeit dazu bei, dass Handel, Handwerk, Landwirtschaft und Industrie schnell aufblühten. Bodenschätze aus den Abbaugebieten des Teutoburger Waldes konnten nun ebenfalls problemlos zu den verarbeitenden Betrieben (wie der südlich von Osnabrück bei Oesede gelegenen Georgsmarienhütte) geschafft werden. Generationen von Arbeitern und Schülern gelangten zudem mit dem Haller Willem von ihren Wohnorten in die Städte. Umgekehrt wurde die Bahnstrecke von Beginn an intensiv von stadtmüden Ausflüglern genutzt. Das Solebad Rothenfelde profitierte ebenfalls von der besseren Erreichbarkeit.

Die Ausflugsbahn: Motiv aus einem Bahn-Reiseführer (um 1945)
Unrationeller Betrieb: Museumsreife Zuggarnitur (1981 bei Hankenberge)

Die Bahn als Modernisierungsverlierer
Über Jahrzehnte blieb der Haller Willem zwischen Osnabrück und Bielefeld ein nahezu unverzichtbares Verkehrsmittel. Die Konkurrenz auf der Straße machte der Bahn jedoch spätestens seit Anfang der 1960er Jahre schwer zu schaffen. Investitionen in eine rationellere Betriebsabwicklung unterblieben – und mit der Technik aus dem 19. Jahrhundert hatte die Eisenbahn gegen Pkw und Lkw keine Chance. Insbesondere die bereits beschriebene schwierige Trassierung und viele nur durch Übersicht gesicherte Bahnübergänge verhinderten zeitgemäße Fahrzeiten. Obwohl die Deutsche Bundesbahn vermehrt lokbespannte Züge durch Triebwagen ersetzte, war das Ende nicht aufzuhalten; Fahrgast- und Gütermengen sanken.

Stilllegung: Die letzte Stunde hat geschlagen
Jedoch nicht genug: Mitte der 1970er Jahre entschied die DB, sich von der Strecke Osnabrück – Bielefeld zu trennen. Um die letzten Fahrgäste aus den Zügen zu bekommen, wurden immer mehr Fahrten gestrichen und parallel Busse eingesetzt. Wenig später waren die Fahrgastzahlen schließlich so weit gesunken, dass in dem zur Bundesbahndirektion Hannover gehörenden Abschnitt Osnabrück – Dissen-Bad Rothenfelde der Personenverkehr im Sommer 1984 eingestellt werden konnte. Auf dem Reststück bis Bielefeld blieb der Verkehr zunächst erhalten, doch auch hier machte sich durch den Wegfall des Nordteils sehr bald ein Fahrgastrückgang bemerkbar.

 

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> Reaktivierung

 

Fahrplanauszug 1983: Gähnende Leere zwischen Osnabrück und  Dissen